Pressebericht
Wenn die Wahrheit nicht mehrheitsfähig ist
HZ, 06. Juni 2026
Wenn die Wahrheit nicht mehrheitsfähig ist
Theater im Fluss feiert umjubelte Premiere von „Ein Volksfeind“ im Kocherfreibad
Der Messias? Nein, ein Volksfeind! Mit starker Bildsprache endet die Inszenierung des Stücks im Kocherfreibad
Von unserer Redakteurin Tamara Ludwig
KÜNZELSAU Was passiert, wenn Fakten verdreht werden? Wenn sie nicht auf Wissenschaft, sondern auf Machtinteressen beruhen? Wenn die
Wahrheit nicht mehr mehrheitsfähig ist? Was nach den Fragen unserer
Zeit klingt, nach Fake News, Social-Media-Populismus und bröckelnden
Demokratien, das sind Fragen, mit denen sich der norwegische Dramatiker Henrik Johan Ibsen bereits im 19. Jahrhundert beschäftigte. Seine
Gedanken dazu schrieb er im Stück „Ein Volksfeind“ nieder, das am Mittwochabend Premiere im Kocherfreibad feierte. Damit knüpft das Künzelsauer Theater im Fluss an seine Tradition an, schwere Stoffe nicht zu
meiden und sie gekonnt ins Kleid eines unterhaltsamen Sommertheaters
zu hüllen.
Stärken ausspielen
Mit dem Stück ist Regisseur Thomas Höhne in seiner vierten Spielzeit
am Kocher ein Coup gelungen. Nicht nur der Aktualität des Themas wegen, sondern weil das Laienensemble darin seine Stärken ausspielen
kann. So war etwa beim „Faust“ vor zwei Jahren die Distanz bei einigen
Schauspielern zu ihren Rollen zu spüren. Das mag an der Komplexität
der Figuren, aber auch am vorwiegend in Reimform gesprochenen Text
gelegen haben.
Ganz anders präsentiert sich das in Ibsens Werk, das den Fall des Badearztes
Dr. Thomas Stockmann (Felix Kaltenbacher) vom Volksfreund
zum Volksfeind nachzeichnet. Stockmann findet heraus, dass die Quelle, die den Aufstieg des Ortes zum Kurbad auslöste, verseucht ist. Während
Lokalpresse und Bürgerschaft zunächst auf seiner Seite zu sein scheinen, wendet sich das Blatt schnell. Denn Stockmanns Bruder Peter (Sigrun Hellinger) ist der Bürgermeister des Ortes und will das Ganze unter den Teppich kehren, um den Wohlstand seiner Stadt zu retten. Er bringt durch Falschbehauptungen und Machtmissbrauch alle gegen den Arzt auf.
Mit dem Abstieg Stockmanns in der öffentlichen Wahrnehmung geht die
gegensätzliche Entwicklung des Charakters einher. Zu anfangs „herzensfroh“,
sich „um seine Stadt und die Menschen verdient gemacht zu haben“,
strahlt er grenzenlose Naivität gepaart mit einer gewissen Eitelkeit
aus. Er hält am Glauben fest, dass die Fakten den Weg des Handelns
und die öffentliche Meinung bestimmen werden. Doch die Schmutzkampagne
gegen ihn hat bereits begonnen. Bühnenbildnerisch Ausdruck findet
das im Matsch, der aus dem Holzboden nach oben quillt und die
Bühne nach und nach mit braunem Schlamm bedeckt. Mit der wachsenden
Erkenntnis, dass sich alle von ihm abwenden, entwickelt sich Stockmann
zum Kämpfer für Wahrheit und Gerechtigkeit: „Ich gedenke, Revolution
zu machen.“ In einer Volksversammlung, in der Stockmann den
Versuch unternimmt, die Lügen zu entlarven, bringt er die Menge gegen
sich auf. Er stellt infrage, dass die Mehrheit das Recht auf ihrer Seite hat,
schließlich seien die Dummen in der Mehrheit und herrschten somit über
die Klugen.
Hauptdarsteller Felix Kaltenbacher gelingt es hervorragend, die Facetten
Stockmanns herauszuarbeiten und agiert mit großer Präsenz. Auch die
anderen Schauspieler sind pünktlich zur Premiere in Höchstform, wie
etwa das fragwürdige Journalisten-Duo Hovstad (Wolfram Pelzer) und
Billing (Niklas Käfer, der zudem mit einer ansprechenden Gesangseinlage
glänzt) oder Stockmanns Frau, deren Wankelmut und Impulsivität Angela
Bayer überzeugend auf die Bühne bringt. Neben Kaltenbacher brilliert
aber besonders Theater-Routinierin Jacqueline Sefranek in der Rolle
des Buchdruckers Aslaksen. Als Vorsitzender des Vereins der Hausbesitzer
ist Aslaksen Repräsentant der Kleinbürger und vertritt „die geschlossene,
kompakte Mehrheit“. Sefranek spielt diese klischeehafte Figur mit
solcher Inbrunst, komödiantischem Talent und einer herausragenden
Körpersprache, dass sie allein beim Betreten der Bühne schon für Lacher
im Publikum sorgt. Mahnt sie dann noch zur „Mäßigung“ als erste Bürgerpflicht,
ertönt schallendes Gelächter.
Beigeschmack der Erkenntnis
Doch als die letzten Lachsalven eines bemerkenswerten Theaterabends
verklungen sind, schleicht er sich an. Hinterrücks. Der bittere Beigeschmack
der Erkenntnis, dass Geschichte im Heute wiederkehrt. Dass
die vermeintlich moderne Gesellschaft denselben Mechanismen unterliegt,
wie in früheren Zeiten. Und dass Ibsens Werk lange vor der Propaganda-
Maschinerie des Nationalsozialismus entstand und deren Wirkung
dennoch nicht verhindern konnte.










