Pressebericht

Bizarre Bilder und eine einfache Botschaft

Hohenloher Zeitung, 04. Juni 2012

Theater im Fluss zeigt Brecht-Stück „Der kaukasische Kreidekreis“ – Bravo-Rufe nach Premiere

Mit der Premiere von Bertolt Brechts „Der kaukasische Kreidekreis“ in der Inszenierung von Franz Bäck startete der Künzelsauer Verein „Theater im Fluss“ in seine zweite Spielzeit. Wie vor einem Jahr ist wieder das Künzelsauer Kocherfreibad zum Theater umfunktioniert worden. Zumindest für die Abende, an denen gespielt wird. Denn ansonsten haben am Kocherufer weiterhin Sonnenhungrige und Badenixen das Sagen.

Die Spielorte wechseln, das Publikum ist unterwegs und immer ganz nah dabei. Mitunter vermischen sich Zuschauer und Schauspieler, etwa dann, wenn nach der Festnahme des Gouverneurs Soldaten das Publikum grimmig mustern.

Franz Bäck setzt viel Augenzwinkern gegen sozialistischen Pathos. Er will ein versöhnliches Ende. Ein Ende, in dem es irgendwie doch gerecht zugeht. Das jeder mittragen kann. Doch vor diesem Ende steht zunächst eine Geschichte.

Los geht es vor den Umkleidekabinen, dann geht es zur Liegewiese am Kocherufer, schließlich zum kleinen Sandstrand, dann auf die Bierbänke und das Ende des Stücks erleben die Besucher wieder von der Tribüne vor den Umkleidekabinen aus. Rund 250 Zuschauer sahen am Freitag in der ausverkauften ersten Vorstellung ein schrilles und vor allem witziges Lehrstück (Erzählerinnen: Lara Zeller und Fritzi Schneider-Reuter) über die Arroganz der Herrschenden, den Krieg und seine wirtschaftlichen Folgen für die kleinen Leute und die wahre Liebe, die aus dem Herzen kommt.

Nach Berlin?

Das alles setzt Franz Bäck in ein bizarres Bühnenbild (Ausstattung: Nina Weitzner), die Schauspielerinnen und Schauspieler tragen überzeichnete Kostüme, und auch die Musik und die akustischen Gags klingen oft kaukasisch-fremdartig, manchmal vertraut – es gibt auch Jagdhornbläserklänge – und dann wieder ironisch überzeichnet. Als beispielsweise Magd Grusche mit Säugling Michel eine wackelige, brüchige Hängebrücke überquert, tost und pfeift ein scharfer Sturm über das Kocherufer. Zumindest akustisch (musikalische Einrichtung: Eva-Maria Schneider-Reuter). Brecht fordert verfremdetes Theater. Ob Brecht gefallen hätte, was am Kocher gezeigt wurde? Das wird nie zu erfahren sein. Das Publikum jedenfalls ist am Ende entzückt. Zuschauer Albert Sefranek (92) sagte: „Großartig. Eine erhebliche Steigerung im Vergleich zum letzten Jahr. Ich bin hin und weg. Ich muss den Bürgermeister nur loben, dass er sowas unterstützt. Das gehört nach Berlin.“ Bürgermeister Stefan Neumann hörte diese Bemerkung und entgegnete spontan: „Dahin geben wir es nicht ab.“ Regisseur Franz Bäck, der die Vorstellung sichtlich angespannt, aber schließlich mit zunehmendem Vergnügen verfolgt hatte, sagte: „Ich hab´ große Freude gehabt, zuzuschauen.“

Spielfreude

Große Freude hatten unübersehbar auch die Schauspielerinnen und Schauspieler. Die sind im „Kreidekreis“ allerdings gleich mehrfach gefordert. Gut zwei dutzend Darsteller müssen insgesamt 100 Figuren auf die Bühne bringen. Die meisten spielen also mehrere Rollen. Aus einer geschlossenen Ensembleleistung ragten heraus: Angela Bayer als Gouverneurin, Nadja Hrubesch als Magd Grusche, Ulrich Lauterbach als Azdak – er erlaubte sich auch ein spontanes episches Element, als er den Bürgermeister persönlich von der Bühne herab ansprach – Ralf Bürklen als wiedergenesener Bauer und Adjutant, Gernot Neumayer als Soldat und Verlobter Grisches und die textsicheren Erzählerinnen Lara Zeller und Fritzi Schneider-Reuter. Den kleinen Michel spielt Joseph Schneider-Reuter (5). Das Stück ist unübersehbar ein Kraftakt für alle Beteiligten. Aber angestrengt wirken sie nicht. Am Ende vier Minuten Beifall und verzeinzelte Bravo-Rufe.

Weitere Vorstellungstermine: 6., 8., 10., 14., 15., 16., 20., 22. und 23. Juni, jeweils 19.30 Uhr.

Autor: Henry Doll