Pressebericht

Ohne Risiko keine Entwicklung

Hohenloher Zeitung, 15. februar 2018

Ohne Risiko keine Entwicklung

Theater in Fluss bleibt seinem hohen Anspruch treu und bringt im Juni Gorkis „Barbaren“ auf die Bühne am Kocher

Sommertheater braucht leichte Themen – dieser Ansicht begegnet Regisseur Franz Bäck, seit bereits acht Jahren künstlerischer Leiter des Theaters im Fluss, immer wieder. Aber in Künzelsau läuft es anders. Von Anfang an hat sich die Laienspieltruppe anspruchsvollem Theater verschrieben – mit Erfolg, wie die steigenden Zuschauerzahlen belegen. „Das Publikum kommt zu uns, weil es bei uns anspruchsvolles Theater erlebt, ohne wegfahren zu müssen“, weiß Bühnen- und Kostümbildnerin Nina Weitzner, die mittlerweile ihren Lebensmittelpunkt ach Künzelsau verlegt hat, nach vielen Gesprächen mit Theaterbesuchern.

Entwicklung

Das Publikum sei an dieser Entwicklung auch selbst beteiligt, erklärt Bäck. „Wenn 4000 zur Fassbinder-Inszenierung kommen, heißt das, dass sie mitkommen und ähnliches sehen wollen. Das gibt uns Mut.“ Die Theater im Fluss-Truppe bringt also auch in der kommenden Spielsaison im Sommer 2018 Theater mit Tiefgang auf die Freilichtbühne am Kocher.

Nach Fassbinders Melodram um Liebe und gesellschaftliche Ausgrenzung (2017), Horvaths Spiel über Kleinbürgerlichkeit in Denken und Fühlen (2016) oder Kornfelds exemplarischer Generierung eines Sündenbocks (2015) stehen nun Maxim Gorkis „Barbaren“ auf dem Spielplan, die sich um die Mechanismen von Macht und Ausbeutung drehen.

Gesichtslos

Gorki schrieb das Stück 1905, als er nach der gescheiterten ersten russischen Revolution als sozialistischer Sympathisant inhaftiert und unter Polizeiaufsicht aufs Land abgeschoben wurde. Zwei Ingenieure, die den Fortschritt in die Provinz bringen wollen, treffen auf die enge Welt von Provinzbürgern, die in leeren Traditionen erstarrt ist. Nina Weitzners Theaterplakat zeigt gesichtslose Figuren in einheitlichem Schwarz, die meist allein stehen und mit ihrer Haltung eher abschätzige Distanziertheit als Zugewandtheit signalisieren. „Ursprünglich dachte ich, dass sie die Barbaren sind“, berichtet Weitzner von ihrer Auseinandersetzung mit dem Stück und ergänzt: „Aber das stimmt nicht. Alle sind sie Barbaren.“ Und tatsächlich verwischen sich im Spiel um Nadjescha, die schöne Frau des örtlichen Steuerinspektors, das die beiden Fremden ins Rollen bringen, bald die Grenzen zwischen Tätern und Opfern.

Abgesehen von Oberhausen, Hamburg und Solothurn kam das Stück in den letzten Jahren selten auf deutschsprachige Bühnen. 23 Rollen seien auch nicht leicht zu besetzen, weiß auch Bäck. „Aber wir haben 23 Schauspieler, die gleich gut sind“, sagt er und räumt ein: „Das wird schwierig werden. Aber es ist eine schöne Aufgabe, die geschichte klar durchzubringen.“ Und außerdem müsse man etwas riskieren, „sonst macht es keinen Spaß“.

Auf Risiko ist die Truppe bislang in jeder Spielzeit gefahren – und hat auch dadurch eine enorme Entwicklung durchlaufen. Das hat nicht nur Auswirkungen aufs Renommee der Laienspieler, die zunehmend Theaterfans weit jenseits der Hohenloher Kreisgrenzen anlocken. Es hat auch Auswirkungen auf die Truppe selbst – auch jenseits des Spiels. Bäck umschreibt das so: „Wir fangen an, unser Tun anders zu betrachten, fangen an, politische Prozesse und die Welt anders zu sehen. Das ist gut, das nennt man Entwicklung.“ Schiller hatte diesen Prozess als „ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts“ beschrieben und darin gleichermaßen die Personen vor und auf der Bühne einbezogen.

Saisonauftakt

Die Premiere der „Barbaren“ geht in diesem Jahr einen Tag früher als geplant am Dienstag, 5. Juni, um 18 Uhr über die Kochertalbühne. Denn am darauffolgenden Tag startet der Hohenloher Astronaut Alexander Gerst zu seiner zweiten ISS-Mission ins All. Karten gibt es an den bekannten Vorverkaufsstellen in Hohenlohe, in den HZ- und HSt-Geschäftsstellen, über die Homepage des Theaters im Fluss und erstmals beim Ticketportal reservix.

Autorin: Barbara Griesinger